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Die Tarifkampagne von ver.di für Auszubildende im Friseurhandwerk mit dem Ziel, höhere Ausbildungsvergütungen und bessere Ausbildungsbedingungen zu erreichen.

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junge Welt: Niemand will für 1,68 Euro in der Stunde arbeiten

Am Wochenende hat die Zeitung "junge Welt" einen Artikel zu Besser abschneiden veröffentlicht. Hier oder auf der Seite der jungen Welt könnt ihr euch das Interview durchlesen.

>>Niemand will für 1,68 Euro in der Stunde arbeiten<<

 

Azubis im Friseurhandwerk erhalten extrem niedrige Vergütung. Ver.di will Jugendliche organisieren. Gespräch mit Marvin Reschinsky 

 

junge Welt vom 15./16.10.2016, Seite 8 / Inland

Interview: Johannes Supe

Marvin Reschinsky ist Bundesfachbereichsjugendsekretär bei ver.di und betreut unter anderem das Friseurhandwerk

Die Gewerkschaft ver.di will die Situation von Auszubildenden im Friseurhandwerk verbessern. Die entsprechende Kampagne mit dem Namen »Besser abschneiden« beginnt an diesem Wochenende. Können Sie uns die Lage der Azubis schildern?

Es besteht derzeit kein bundesweit gültiger Tarifvertrag. Nur einige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen sind tarifiert, viele aber nicht. Entsprechend sind die Ausbildungsbedingungen alles andere als rosig. Das fängt bei der Vergütung an. Im Westen liegt sie im Schnitt bei 494 Euro, im Osten bei 269 Euro. Wir wissen aber auch von noch geringeren Vergütungen. Etwa in Sachsen-Anhalt, wo teilweise nur 150 Euro brutto im Monat gezahlt werden. Damit kommen die Auszubildenden natürlich nicht über die Runden. Viele müssen am Ende des Monats zu den Ämtern zu gehen und Sozialleistungen zu beziehen. Das heißt, die Arbeitgeber lassen sich ihr Ausbildungsmodell vom Steuerzahler mitsubventionieren. Die Azubis aber schämen sich dafür, beim Amt betteln zu müssen.

Als im vergangenen Jahr der Mindestlohn von 8,50 Euro in der Stunde eingeführt wurde, stiegen die Gehälter vieler ausgelernter Friseurinnen. Wurden die Azubis in der Folge auch besser entlohnt?

Einen solchen Anstieg konnten wir bei den Ausbildungsvergütungen leider nicht beobachten. Tatsächlich ist es so, dass deren Höhe in vielen Bundesländern seit Jahren nicht gestiegen ist. Teilweise erhalten die Auszubildenden im Osten nur 1,68 Euro in der Stunde. Für so einen Betrag will doch niemand arbeiten. Auch deshalb sinken die Ausbildungszahlen seit Jahren. Und das, obwohl es sich hier für viele um einen Traumberuf handelt, bei dem sie kreativ sein können.

Ist die geringe Bezahlung das einzige Problem der angehenden Friseurinnen?

Die Vergütung stört sie am meisten. Bei unseren Besuchen in Berufsschulen wird uns aber regelmäßig auch von ausbildungsfremden Tätigkeiten erzählt, die die Auszubildenden machen müssen. Und von unbezahlten Überstunden, der hohen Arbeitsbelastung. Gemäß dem DGB-Ausbildungsreport 2016 arbeiten 8.900 der 23.000 Azubis in dieser Branche mehr als 40 Stunden in der Woche. Das sagen sie uns gegenüber auch in Gesprächen. Da heißt es dann, es müsse manchmal von 22 Uhr bis 24 Uhr noch an Übungsmodellen geschnitten werden. Als Arbeitszeit wird das aber nicht angerechnet. Und am nächsten Tag öffnet der Salon dann wieder um 9 Uhr oder die Azubis müssen früh in die Berufsschule. Das ist der Alltag von vielen.

Das Friseurhandwerk zeichnet sich durch viele kleine Betriebe aus. Erschwert das die gewerkschaftliche Organisation der Beschäftigten nicht sehr?

Ja. Wir merken auch, dass sich nur wenig erreichen lässt, solange die Branche so schwach organisiert ist. Wir versuchen nun, mit den Auszubildenden über die Berufsschulen in Kontakt treten. Im Zuge unserer Kampagne werden wir Anfang 2017 eine Tour durch 50 Schulen durchführen. Dort wollen wir die Azubis aufklären. Bisher haben viele von ihnen noch nicht mal von einer Gewerkschaft gehört. Sie wissen oft auch nicht, was ihre Rechte sind und wie sie für sie eintreten können. Wir möchten ihnen die Möglichkeit geben, sich zu organisieren. Das wird auch nötig sein, um endlich einen bundesweit gültigen Tarifvertrag zu erreichen.

Existieren Kampferfahrungen, an die Sie anküpfen könnten?

Im April gab es in Berlin einen ersten Warnstreik im Friseurhandwerk. Wir haben uns damals für einen Tarifvertrag in der Hauptstadt eingesetzt. Drei Schulklassen haben sich daran beteiligt, also etwa 60 bis 80 Azubis von den insgesamt 800 in der Stadt. Wir sind mit den Streikenden zur Handwerkskammer gezogen, um den Friseurmeistern unsere Forderungen vorzutragen. Diesen Kampf wollen wir nun auf das ganze Bundesgebiet ausweiten. Einige der Azubis, die beim Warnstreik dabei waren, sind auch jetzt stark eingebunden. Wir wollen auch weitere Azubis mitnehmen und Aktionen mit ihnen abstimmen.